Archiv für Februar 2011

Die arabische Welt brennt: Gespräch mit einem syrischen Anarchisten

Die grossen Revolten, welche in Jemen, Algerien, Tunesien und nun Ägypten stattfinden, haben alle überrascht. Sie stellen zweifelsohne eines der wichtigsten Ereignisse unserer Zeit dar und machen deutlich, dass kein Ort auf der Welt dazu verdammt sein muss, der Spielplatz eines durch den westlichen Imperialismus gestützten Diktators sein zu müssen. Autoritäre Regimes wie das von Ben Ali zeigten sich völlig machtlos gegenüber den vereinten und entschlossenen Leuten im Kampf. Es sind Jugendliche, ArbeiterInnen, Arbeitslose und Arme, die mit ihrem Aufbegehren die Zukunft der Region formen und damit in Washington und Tel Aviv für kalte Rückenschauer sorgen. Weder all die vom Mubarak-Regime angehäuften Waffen noch die Militärhilfe durch die USA konnten das Ausdehnen der Proteste verhindern. Diese zeugen von der Macht des Volkes und der vereinigten ArbeiterInnenklasse, beweisen die Fähigkeit von gewöhnlichen Menschen, Gegeninstitutionen mit klar libertären Ansätzen aufzubauen, und machen deutlich, dass wir uns in einer Ära revolutionärer Veränderungen befinden. Wir führten ein kurzes Gespräch mit unserem Genossen und Freund Mazen Kamalmaz aus Syrien, Redaktor des arabischen anarchistischen Blogs http://www.ahewar.org/m.asp?i=1385, der über die Bedeutung dieser grossartigen politischen Entwicklung spricht.

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Protest gegen Wahl-Propaganda!

Kreisverband Tübingen, CDU Landesverband, CDU Deutschlands, Termin Landesvorsitzender Öffentliche Wahlkampfkundgebung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Stefan Mappus

Fr, 18.02.11 Einlass 16:30 Start: 17:30
Paul-Horn-Arena (Europastraße 50), Tübingen

Organisiert euch und nehmt am selbstorganiserten Protest gegen die Führungscliquen teil! Alleine schon wegen dem Raub an uns, welchen sie in ihr Prestige-Objekt Stuttgart21 stecken wollen! Von den ganzen anderen Übeltaten dieser Verbrecher wollen wir gar nicht erst sprechen….

Film: Libertarias

Hintergründe:

1931 gründete sich nach dem Sturz der Monarchie die zweite Spanische Republik. Verschiedene Militärs unter Leitung von General Primo de Riviera, später unter Leitung von General Franco versuchten 1936, unterstützt von Nazi-Deutschland und Italien, in Spanien zu putschen. Doch die Menschen in der jungen Republik leisteten erbitterten Widerstand, unterstützt von Linken weltweit, die sich freiwillig für die internationalen Brigaden meldeten. Während dem darausfolgenden Bürgerkrieg begannen mehrere Millionen Mitglieder der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT mit anderen Gewerkschaften die soziale Revolution, hatten aber mit stalinistischen Gegnern zu kämpfen.

Film:

Im Spanien der 30er Jahre schließen sich vier Frauen, darunter eine Prostituierte und ein Nonne, der anarchistischen Frauenorganisation „Mujeres Libres“ an. Sie kämpfen sowohl in einer Miliz gegen die faschistischen Putschisten unter Franco, als auch gegen Geschlechterdiskriminierung in den eigenen Reihen.
Spielfilm mit historischen Fakten, Spanien 1996,
Spanisch mit eng. Untertiteln


19 Uhr Vokü (veganes Essen, Preis: Selbsteinschätzung)
20 Uhr Film
22 Uhr Hausbar
Mittwoch den 16.Februar,
Schelling Hausbar


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Solidarität mit den Waggons am Nordbahnhof Stg

Das Anarchistische Netzwerk spricht seine Solidarität mit den Nordbahnhof Waggons, welche zu den letzten alternativen Ecken unabhängiger und unkommerzieller Kultur in Stuttgart gehören, aus.

Aus der Stellungnahme der Wagons:

„Wir, die Ateliergemeinschaft Bauzug 3yg – „Waggons Nordbahnhof“ haben am 13. Januar 2011 eine Räumungsaufforderung der „DB Services Immobilien GmbH“ für das gesamte Gelände zum 25. Januar 2011 erhalten. Als Grund wird der Vegetationsrückschnitt auf dem Gelände genannt, welcher bis Ende Februar 2011 abgeschlossen sein soll. In Anbetracht der wenige Tage zurückliegenden mündlichen Genehmigung zur Weiternutzung des Geländes – bis zum Sommerbeginn – seitens der Deutschen Bahn, kam diese Aufforderung für uns völlig unerwartet. Eine Räumung des Geländes bis Ende Januar ist nicht nur aus technischen und organisatorischen Gründen schlichtweg unmöglich, sondern bedeutet für knapp dreißig Künstler und Künstlerinnen den plötzlichen Verlust ihrer Atelier-, Wohn-, und Veranstaltungsräume und somit ihrer Arbeits- und Schaffensgrundlage.“

Der Wahnsinn des Projekts Stuttgart21, wogegen Teile des ANT mit Stuttgarter Massen protestiert, ist der Prototyp eines Großprojekts: Gegen die Umwelt (Park, Grundwasser), die Masse der Bevölkerung, unabhängige Kultur! Lasst uns den Herrschenden zeigen, dass wir bereit sind ihre Herrschaft umzuwerfen!

Verhindern wir die Räumung! Verhindern wir Stuttgart 21!

Lass uns ein Beispiel an den Protesten in Tunesien und Ägypten nehmen!

Erzwingen wir eine Demokratisierung der Gesellschaft und der Wirtschaft!

[Homepage der Wagons am Nordbahnhof]
[Kopfbahnhof21-Seite gegen Stuttgart 21]
[Seite der Parkschützer]

Broschüren-Review: „Introduction to Anarchist Communism“

Die von der britischen „Anarchist Federation“ am häufigsten heruntergeladene Broschüre, macht die*den deutschsprachigen Autonomale*n auf den ersten Blick nicht so an:
Beim Wort „Kommunismus“ haben die meisten von uns immer noch der fade Beigeschmack von UdSSR, DDR und dem früheren China um Mund kleben und beim Wort „Communism“ gar den leere Plastikgeschmack von subjektloser Kapitalismusanalyse im schicken iPod-Antifa-Look. Dennoch könnte dieses 44-seitige Schriftstück allen halbwegs revolutionären Anarchist*innen gefallen, bietet es doch ein Zusammendenken verschiedenster sozialer Kämpfe mit anti-kapitalistisch revolutionärer Perspektive unter anarchistischen und praxisorientierten Vorzeichen an!

Old School?
Vorraussetzung ist allerdings, dass keine Allergie gegen den Begriff „Klassenkampf“ besteht; der steht nämlich im Mittelpunkt der Broschüre, wenn auch teilweise auf ganz eigene Art und Weise. So wird zum Beispiel nachvollziehbar nahegebracht, warum das Kennenlernen der Nachbarn auch ein Stück Klassenkampf ist.

In sechs Kapiteln wird schrittweise und direkt auf das Thema zugegangen. Jedes Kapitel endet, als wolle es Interesse für das nächste wecken. Unterbrochen werden sie nur durch ganzseitige, schwarze Kästen, wo kurz die Erfahrungen aus historischen Ereignissen beschrieben werden, wie aus dem Krontstädter Matrosenaufstand nach der russischen Revolution oder aus dem Massenwiederstand gegen eine neue Steuer (poll tax) im Vereinigten Königreich der 80er.

Keine Klassiker
Nicht nur auf Marx und den Großteil seiner Theorie, sondern auch auf Kropotkin und sonstiges Geschichts- und Theoriewissen wird verzichtet. Die Anarchist Federation meint sogar, dass der Anarchistische Kommunismus keine Theorie ist, die von irgendwelchen berühmten Köpfen aus der Luft gegriffen wurde, sondern eine lebendige Arbeiterklassentradition, die in konkreten Kämpfen entwickelt wurde. Die Broschüre bleibt daher praxisorientiert: Im ersten Abschnitt der 44 Seiten starken Broschüre wird gleich der Kapitalismus analysiert, nämlich als eine klare Klassenherrschaft und Ausbeutungsverhältnis. Warum das so ist, wie der Klassenbegriff von der AF verwendet wird und was das mit unserem alltäglichen Leben zu tun hat wird in einfachem Englisch dargelegt. Auch wie Hierachien, Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie damit zusammenhängen wird erklärt und dass sie das auch nur bedingt tun. So sind für die AF diese Kämpfe ebenfalls Klassenkämpfe, aber nicht nur. Dieser doppelte Aspekt erfrischt, nachdem wir in unserem Sprachraum vorallem mit total-ökonomischen oder gar-nicht-ökonomischen Ansätzen gequält werden. Die obligatorische Darlegung, warum eine freie Gesellschaft nicht über einen Staat erreicht werden kann, darf natürlich auch hier nicht fehlen.

Dann geht es schon schnell um soziale Kämpfe. Hier wird bemerkenswert ausgeglichen auf Arbeitskämpfe und andere Kämpfe eingegangen und deren Bezug zur Revolution bzw. die Gefahr deren Vereinnahmung durch Parteien oder den Kapitalismus aufgezeigt. Die Gleichwertigkeit, aber auch die Verschiedenheit bezüglich der Gefahr der Vereinnahmung der jeweiligen Kämpfe sowie die Wichtigkeit diese zusammenzudenken wird auf relativ einleuchtende Weise erklärt. Dabei wird immer wieder deutlich, dass die Praxisseite die zentralere Motivation für das Schreiben des Pamphlets war und nicht die theoretische Herleitung.

Neue Analysen
Interessant für unsere Umgebung dürfte vor allem die Einschätzung zum Aussteigertum und dem dual-power-Konzept sein. Denn während ersteres bei uns von Radikaleren oft abfällig abgetan und letzteres, vor allem in seiner Ausprägung als Anarchosyndikalismus, meistens unangetastet bleibt, findet die AF ganz andere Worte dafür. Beide Konzepte werden erstmal als positive Entwicklungen und Ideen bewertet, an denen dann aber bei detaillierterer Analyse Kritikpunkte aufgefunden werden. Diese führen aber bis zum Schluss nicht zu einer Verurteilung dieser Konzepte, sondern zu einer Begründung der Strategie der AF.

Die anarcho-kommunistische Strategie wird, wie es sich für Anarchist*innen gehört, natürlich nicht vorgeschrieben und ausführlich dargestellt, sondern als Vorschlag skizziert. Gemeint ist eine pluralistische Widerstandskultur, die von einer Vielzahl verschiedener Organisationen, wovon die AF nur eine sein möchte, und verschiedener Elemente im Leben von „gewöhnlichen Leuten“ getragen wird. Bezüglich der Rolle, welche eine revolutionäre Organisation wie die AF übernehmen könnte, wird auf eher kleinere, aber wohl wichtige Aufgaben hingewiesen. Ähnlich wie die norddeutsche linksradikale Organisation „Avanti“ will auch die AF als Archiv, Gedächnis und Informationsportal der kämpfenden „working class people“ oder „ordinary people“, wie sie auch öfters genannt werden, fungieren können.

Fazit
Auch wenn sich hier so Manche*r eine umfangreichere Beschreibung dieser „culture of resistance“ gewünscht hätte, so wie eine stärkere Einbindung der Umweltbewegungen, ist diese Einführung das Angebot eines Grundkonzepts für die*den praktische*n Freiheitskämpfer*in. Als Abgrenzungsmoment und Werkzeug um sich zur Identitätsstiftung von anderen Bewegungen oder dem Mainstream abzuspalten, ist diese Schrift allerdings wertlos. Sie fordert nicht nur dazu auf, von Hausbesetzung bis Lesbengruppengründung, von Unterschriftensammlung bis Gebäudebesetzung zusammenzukämpfen, sondern auch die ganz gewöhnlichen Leute als Kämpfende zu betrachten.

Grundsätzlich wird auch durch diese Broschüre die Idee des Anarcho-Kommunismus oder kommunistischen Anarchismus nicht verändert: Es bleiben Ziele wie Massenbewegungen, Mittel wie soziale und Arbeitskämpfe und Wege wie Vernetzungsarbeit im Fokus. (Post-)Modernere Anarchist*innen, die auf Einflüsse von crimethink, Projektwerkstatt Sassen, Grüne Anarchie oder gar Poststrukturalismus hoffen, schauen in die Röhre.

Wenn sich jemand doch am so sehr am Klassenkampfbegriff stört, dann empfehle ich mal in Bourdieus „Der feine Unterschied“ zu schmökern, weil dann die Klassenrealität (wenn auch etwas anders definiert) in unserer direkten Umgebung so deutlich wird, dass die „Introduction to Anarchist Communism“ wieder zur begehrten Inspiration und so auch zum praktischen Werkzeug werden wird.

Heruntergeladen kann die Broschüre, leider vorerst nur auf Englisch, bei uns unter http://ant.blogsport.de/download/broschueren/
Wer mehr über die Anarchist Federation lernen möchte, der geht am besten auf deren Seite: http://afed.org.uk/
Wer ähnliches im deutschsprachigen Raum sucht, könnte einen Vergleich zur norddeutschen Organisation Avanti – Projekt undogmatische Linke wagen: http://avanti-projekt.de/avanti/intervention-braucht-organisation