Archiv für September 2011

Der 11. September und dessen Hype

von Simon Bouzid

Am letzte Wochenende wurde in allen Medien ausgiebig die Erinnung an die Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11.September 2001 gepflegt. Zeitungen, Radio, Fernsehen, Talkshows und Politik waren voll davon. Da fragen manche sich doch, warum dieser Hype?

Wer den Verfassungsschutzbericht, ich glaube von 1984, mal in die Finger bekommt wird dort unter der Sparte „Linksextremismus“ ein autonomes Plakat mit einer Collage finden, welches das obige Bild darstellt: ein brennendes World Trade Center! Damals war in der radikalen Linken und autonomen Szene der Hunger und das Leiden in der dritten Welt ein bedeutendes Thema und die Rolle der Welthandels und der World Trade Organization (WTO) unumstritten. Das World Trace Center (WTC) war ein Symbol für den mörderischen Welthandel dem täglich 30.000 Hungertote zum Opfer fielen. Also kein Wunder, wenn Autonome damals und einige auch in den 90ern das World Trade Center gerne brennen gesehen hätten, ohne eine Ahnung zu haben, dass das jemals passieren würde.
Klar ist aber auch, dass der Anschlag auf das WTC ganz und gar kein linker Anschlag war und kaum ein Linker damals wie heute den Tod von über 2.600 Menschen gutgeheißen hätte. Der religiöse Fundamentalismus, der aller Wahrscheinlichkeit nach hinter den Anschlägen steckt, ist so ziemlich das Gegenteil von linken oder anarchistischen Ideen, auch wenn er teilweise die gleichen Gegner hat.

Der Schock

Der Anschlag kann als eine Art Kriegsschlag gesehen werden und bedeutet, wie die meisten anderen Kriegsakte, somit Terror. Das außergewöhnliche, und darin liegt ja auch der Schock der westlichen Welt, ist, dass Kriegsschläge normalerweise von Nationalstaaten ausgingen und Schläge mit solch verheerender Wirkung in letzter Zeit meistens von den Westmächten ausgingen oder zumindest nicht ohne deren Wissen passierte. Dass einmal andere die eigenen Großstädte bombardieren und dass auch noch nicht von Nationalstaaten ausgehend und ohne modernes Kriegsgerät, das war ein Schock. Das WTC war der einzige Gebäudekomplex der empfindlich getroffen wurde, die Flugzeuge die das Weiße Haus und das Pentagon anvisierten verfehlten ihr Ziel maßgeblich. Selbstverständlich ist wieder kaum die Frage gestellt worden, ob eine Ursache dieses Schlags in den Aktivitäten der Westmächte oder der USA gefunden werden könnte oder warum einige Menschen im globalen Süden die Regierung der USA, dessen Außenministerium und das Welthandelszentrum so hassen.
Nein, die Folgen sind eindeutig: Neue Kriege, das heißt neuer staatlicher Terror nach außen und neue Terrorismusgesetze, das heißt staatlicher Terror nach innen, unter dem nicht zuletzt die linke und anarchistische Bewegung aber auch ethnische Minderheiten im Land leiden.

Der erste Krieg der diesem Anschlag folgt macht offensichtlich, wie sehr der Anschlag auf abstruse Weise als Kriegslegitimation missbraucht wird: Der säkulare Diktator Hussein und seine Religionsfeindliche Baath-Partei sollen irgendetwas damit zu tun haben, obwohl doch Islamisten als Urheber ausfindig gemacht wurden?? Die Massenvernichtungwaffen, die angeblich so sicher in Irak versteckt sein sollten und letztlich der Anstoß des Angriffs der USA auf Irak waren, wurden ebenfalls nie gefunden! Die offensichtlichen Lügen der US-Regierung sollten den letzten Rest von Vertrauen dass wir noch in sie gesteckt hatten zunichte machen.

Die den Anschlägen folgende Gesetzeswelle names „Patriot Act“ erlaubte dem Staat alle möglichen Mittel und Aufhebung von Bürgerrechten, vorgeblich um Terrorismus zu bekämpfen. So können Menschen ohne us-amerikanische Staatsbürgerschaft ohne Gerichtsurteil auf unbestimmte Zeit festgehalten werden. Die Praxis ist in Guantanamo Bay zu sehen, welches wegen Menschenrechtsverletzungen zu Recht in internationaler Kritik steht. Dazu werden Internet und Telefonüberwachungen und Hausdurchsuchungen ohne das Wissen der Betroffenen sehr viel einfacher möglich.
Die Folgen und der Hype

Die Folge für den globalen Diskurs ist eine neue Blockkonfrontation. Die mit dem Mauerfall wegfallende Blockkonfrontation zwischen West (Kapitalismus) und Ost (Staatssozialismus, meist verzerrend „Kommunismus“ genannt) und die den Machtblöcken die Herrschaft erleichterte wurde durch eine neue ersetzt. Damals konnte fast jeder Krieg, der von den Mächten in der dritten Welt geführt oder oft maßgeblich unterstützt wurde mit dem kalten Krieg legitimiert werden. Auch die Einschränkung der Bürgerrrechte und die verfolgung politisch Unliebsamer konnte unter diesem Deckmantel relativ problemlos geführt werden. Kurze 10 Jahre musste die Herrschaft ohne eine solche globale Konfrontation auskommen. Zwar versuchte der konservative Militärstratete Samuel Huntington schon 1994 mit seinem Hetzpamphlet „Clash of Civilazations“ den Kampf zwischen „der“ westlich-kapitalistischen und „der“ östlich-traditionalistischen Kultur auszurufen um diese Lücke zu füllen, dieser Diskurs wurde aber vor 2001 nicht hegemonial.

Der Anschlag am 11. September 2001 löst dieses Problem für die Herrschenden. Der Anschlag, dem weniger Zivilisten zum Opfer gefallen sind als jeweils in den letzten von den Westmächten begonnen Kriegen, und ihn zu hypen ist dafür wichtig. Ebenso wie kurz vor dem ersten Weltkrieg, wo die Zugehörigkeit zu einer Nation hervorgehoben wurde um die damaligen Klassenunterschiede, die auch von bürgerlichen Politikern damals nicht bestritten werden konnten, zu verdecken. Selbst die Arbeiterpartei SPD hatte damals zum Krieg gegen Frankreich aufgerufen. Jegliches Bedürfnis nach einer besseren Situation der Arbeiter und dadurch entstehendes revolutionäre Potential konnte mithilfe von Nationalismus und Kriegstreiberei zerschlagen werden, indem der äußere Feind zum eigentlichen Feind erklärt wurde und die mögliche Erfüllung von Besserungswünschen auf ein siegreichen Krieg projeziert wurden.

Meiner Einschlätzung nach passiert heute dasselbe: Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit Hunger, Arbeit, Not, Mangel und Krieg im Norden als auch im Süden wird mit der Terrorangst und des Zeichnen eines neuen Feindes beschwichtigt. Damals sollten die Interessen der deutschen Nation gegen den französischen Feind durchgesetzt werden, heute die „universellen“ Werte der westlichen (christlichen) Zivilisation. [Was im deutschen meistens mit Kultur übersetzt wird, heißt in diesem abgrenzlerischen Sinn auf englisch und französisch „civilisation“.] Religiöse Fundamentalisten ihrerseits ziehen aus den Anschlägen Kraft, schließlich können sie behaupten aufzuzeigen, dass nur sie in der Lage wären dem mörderischen Welthandel zumindest symbolisch etwas entgegenzusetzen. So bringen sie immer mehr Menschen dazu religiöse Unterdrückung innerhalb der Familie und der Gemeinschaft auszuüben, Anschläge auf Zivilisten zu verüben und Kanonenfutter in den Kriegen mit den Westmächten zu werden.

Wir Anarch@s, Linken und Antikapitalist*innen?

Was bedeutet das für uns? Leider ist anscheinend nicht für alle von uns klar, dass sich auf eine Seite in dieser neuen Blockkonfrontation zu stellen nicht im geringsten eine linke Position, geschweige denn eine Lösung ist. Einige sind tatsächlich wie damals die SPD dem Hype auf den Leim gegangen und blasen zum Krieg, diesmal nicht für ihre Nation (denn gegen Nationalismus zu sein, haben sie wenigstens doch daraus gelernt) sondern für ihre westliche Kultur und Zivilisation. Das ist insofern nachvollziehbar, dass ohne linke Vorbildung oder Skepsis den herrschenden Medien und Verhältnissen gegenüber es ja tatsächlich häufig so scheint, als seien die westlichen-bürgerlichen Staaten Paradiese gegenüber den religiös dominierten Ländern des globalen Südens.
Ausgeblendet wird dabei allerdings
-die extreme Verzerrung der Darstellung anderer Gesellschaften in den Medien
-die Wirkung des globalen Kapitalismus und des Welthandels, welcher Reichtum aus dem Süden in den Norden transferiert
-die Wirkung von Kolonialismus, Neokolonialismus und dessen Gegenbewegung, was religiösen Fundamentalismus erst Dominanz verschaffte
-die Tatsache, dass unser Bewusstsein von unseren Verhältnissen geprägt sind und andere Menschen andere Bedürfnisse haben können.
Der letzte Punkt dürfte das dickste Plus für uns Anarchist*innen bedeuten: Im Gegensatz zu Kommunist*innen oder Kapitalist*innen behaupten wir nicht zu wissen, was alle wollen und versuchen ihnen das vorzusetzen, sondern stehen für eine Selbstbestimmte Welt für alle ein, und das politisch wie wirtschaftlich. Traditionell kämpfen wir seit Jahrhunderten gegen jeden Kolonialismus und religiösen Fundamentalismus, und spätestens seit den Siebzigern gegen den ungerechten Welthandel. Eine gesunde Skepsis gegen einseitige Darstellungen in bürgerlichen Medien gehört für uns eigentlich auch schon lange dazu.
Und mit diesen Punkten sind wir Anarchst*innen in der Linken ja auch nicht alleine, weshalb wir die These des Kulturkampfes ebenso denunzieren, wie wir in der Blockkonfrontation des Kalten Krieges uns nicht einseitig auf eine Seite gestellt haben. Unserer Aufgabe sollte es meiner Meinung nach nun sein, es effektiv zu zeigen, dass wir Linken im Ganzen dem ungerechten Welthandel, den Neokolonialismus, dem Rassismus und der Abschottung Europas etwas entgegensetzen können, um für die Betroffenen im globalen Süden wie im Norden die bessere Alternative zu Faschismus und Fundamentalismus zu sein. Diese Bewegungen müssen wir entschieden bekämpfen, um unsere Forderung von Freiheit für alle glaubhaft Nachdruck zu verleihen. Dazu müssen wir uns zusammentun und endlich wieder gesellschaftlich relevant Handlungsfähig zu werden. Wenn wir das nicht schaffen, überlassen wir das Feld unseren politischen Gegnern und somit die Menschen der Unterdrückung und der Ausbeutung.

P.S.:
Nicht vergessen sollten wir übrigens welchem Terror am 11.September noch zu gedenken wäre:
Am 11.September 1973 putschte das Militär unter Leitung des faschistischen und neoliberalen Generals Augusto Pinochet mit Unterstützung des us-amerikanischen Geheimdienstes gegen die Linke Regierung Salvador Allendes. An diesem Tag wurden die Stadien zu Konzentrationslagern umgewandelt und über in einem Station 2500 Linke eingesperrt, teilweise gefoltert und hingerichtet. In diesem Jahr wurden über 40.000 Mensche, die als Linke gesehen wurden, in Stadien eingesperrt, über 2500 wurden hingerichtet und verschwinden gelassen. Über 1 Millionen Menschen mussten zu ihrer Sicherheit das Land verlassen. US-Präsident Nixon gab später die Unterstützung des us-amerikanischen Geheimdienstes CIA für diesen grausamen Putsch zu. Pinochet regierte noch bis 1990 und unternahm die ersten neoliberalen Versuche, die vom us-amerikanischen Thinktank „Chicago School“ in den 60ern entwickelt wurden. Diese Experimente, die den Einfluss von Gewerkschaften und Regierung minimierten wurden zur Basis der heute globalen neoliberalen Politik.