Archiv für November 2012

Herrschaftszeiten! Eliten und Elitenbildung in Burschenschaften und Studentenverbindungen.

Vom 23.-25.11.2012 findet in der Sängerhalle Untertürkheim ein außerordentliches Treffen des ultrarechten Vachverband „Deutschen Burschenschaft“ statt. Ziel ist es in Ruhe die internen Querelen zu lösen. Denn seit mehreren an die Öffentlichkeit gelangten Skandalen, wie etwa dem Versuch eine Art „Ariernachweis“ im Verband einzuführen, steht die „Deutsche Burschenschaft“ in der öffentlichen Kritik.

Nachdem es in unserem ersten Text „Braune Burschenschafter – die „Deutsche Burschenschaft“ und die extreme Rechte“ um rechte Tendenzen in der „Deutsche Burschenschaft“ ging, befassen wir uns im Folgenden näher mit Eliten und Elitenbildung in Burschenschaften und Studentenverbindungen.

Kommt alle am 24.11.2012 um 12 Uhr auf den Carl-Benz-Platz in Untertürkheim

10:20 Uhr Hbf Tübingen
Zugtreffpukt zur gemeinsamen Fahrt nach Stuttgart für alle aus Tübingen

10:30 Uhr Hbf Reutlingen
Zugtreffpukt zur gemeinsamen Fahrt nach Stuttgart für alle aus Reutlingen

Herrschaftszeiten!

Eliten und Elitenbildung in Burschenschaften und Studentenverbindungen.

„Je wichtiger die gesellschaftliche Position, desto eher ist diese mit einem Mann aus dem Milieu des gehobenen und (konservativ eingestellten) Bürgertums besetzt.“

Die These des Politikwissenschaftlers Stephan Peters soll als Einstieg in die nähere Betrachtung von korporierten Netzwerken, Seilschaften und Beziehungen dienen. Denn obwohl die Zahl der Verbindungsstudenten in Relation zur Gesamtzahl der Studierenden lächerlich gering ist (weniger als 2% gehören einer Verbindung an), rekrutieren sich etwa 20% aller Vorstandsvorsitzenden in Deutschland aus studentischen Verbindungen.

Ein Blick auf die Liste der alten Herren aus Tübinger Verbindungen zeigt, dass auch heute noch überdurchschnittlich oft gesellschaftliche „Eliten“ aus den Kreisen der Verbindungen entstehen. Günther Oettinger (Landsmannschaft Ulmia), Kurt-Georg Kiesinger, Heiner Geißler (beide K.St.V. Alamannia), Wolfgang Schuster, Klaus Kinkel (beide A.V. Guestfalia) und Helmut Lemke (A.V. Stuttgardia) sind nur einige Spitzenpolitikern konservativ-bürgerlicher Parteien der jüngeren Geschichte die sich aus dem Kreis der Tübinger Korporationen rekrutieren.

Dass Mitglieder von studentischen Verbindungen auffällig oft in einflussreiche Positionen aufsteigen ist kein Zufall, sondern seit ihrer Gründung erklärtes Ziel vieler Korporationen. „Wir wollen auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft entsenden.“ bekannte Manfred Kanther 1990 öffentlich bei einer Rede für sein Corps Guestphalia et Suevoborussia in Marburg. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das Wörtchen „weiterhin“ eine nicht unerhebliche Rolle spielt.

Die Geschichte der Korporationen als eine Geschichte autoritärer Strukturen

Korporationen waren stets beides, standesbewusst und herrschaftshörig. Schon die Anfänge der Studentenverbindungen zeigten ihr Elitendenken und ihr Bewusstsein dafür, wer zum erlesenen Kreis der Herrschenden gehören durfte und wer nicht: Die ersten Vorläufer der Korporationen gründeten sich im 18./19. Jahrhundert und wandten sich gegen Studenten aus dem Kleinbürgertum. Diese hatten sich damals gerade erst den Zutritt zur Universität erkämpft. Nicht nur, dass hier die Motivation der Korporierten ganz unverhohlener Standesdünkel war, schon bei den ersten Zusammenschlüssen herrschten anti-emanzipatorische Grundgedanken vor. Viele der damaligen Korporationen, insbesondere die sogenannten Corps, richteten sich explizit gegen die Prinzipien der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Es ist allerdings bei diesen frühen Studentenverbindungen noch zu einfach, von einer homogenen Masse zu sprechen: Die politische Stoßrichtung war anfänglich noch keineswegs unter allen Korporierten einheitlich. Das änderte sich jedoch schnell. Während Anfang des 19. Jahrhunderts einige Studentenverbindungen (vor allem die „repubikanischen“ Burschenschaften bis zum Jahre 1848) durchaus gegen die Monarchie und für mehr Demokratie kämpften, gewannen wenige Jahre später die völkisch-obrigkeitshörigen unter den Verbindungen die Oberhand und diese kämpften seitdem für das jeweils herrschende System. Ab 1849 schließlich sahen sich alle Burschenschafter als die gesellschaftliche Elite.

Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 entwickelten sich die Korporationen rasch zu überregionalen und generationsübergreifenden Verbänden (Lebensbundprinzip) mit organisierten Altherrenschaften. Eine Durchhierarchisierung der Verbindungen nach einem System aus Befehl und Gehorsam (Fux, Bursche, Alter Herr), die Erziehung zum Mann als Zweck des Männerbundes und Zielsetzung im elitären Streben waren die Folge. Mit Erfolg: 1893 saßen 45 Corpsstudenten (11 % der Abgeordneten) im Reichstag, vorwiegend in den konservativen Parteien. Die Chefs der Reichskanzlei waren seit 1871 fast ausnahmslos Corpsstudenten. Hinzu kommen zahlreiche Korporierte in den führenden Positionen der Ministerien, Präsidenten des Reichs- und der Landtage. Namen wie Otto Fürst von Bismarck, Wilhelm II., Adolf Stoecker, Paul von Hindenburg, Friedrich Bayer, Fritz Henkel und Gottlieb Daimler, Emil von Behring, Justus Freiherr von Liebig sowie Aloys Alzheimer bezeugen das Gelingen des verbindungsstudentischen elitären Strebens.

Ende des 19. Jahrhunderts waren nahezu alle wichtigen Posten in Politik, Kultur und Wirtschaft mit Korporierten besetzt.

Auch in der politischen Praxis drückten sich das Elitendenken und die herrschaftshörige, antiemanzipatorische Grundtendenz der Studentenverbindungen aus. Nach dem ersten Weltkrieg waren Korporierte begeistert an nahezu jeder Niederschlagung von Aufständen beteiligt: Niederschlagung der Novemberrevolution, Niederschlagung der Münchner Räterepublik, Niederschlagung des Rhein-Rhur-Aufstand, Verfolgung von Linken durch die so genannten Freikorps, Durchführung des Kapp-Putsch, Niederschlagung der „Mitteldeutschen Aufstände“, usw. Im begeisterten Eintreten für die Sache des Nationalsozialismus mündete schließlich der Weg der deutschen und österreichischen Studentenverbindungen.

Sowohl an den verbindungsstudentischen Zweck- und Zielsetzungen und den Regeln innerhalb der Korporationen, als auch an dem Erfolg hat sich bis heute – wenn auch mit Verschiebungen im gesellschaftlichen Feld – wenig geändert. Treffend heißt es in der Zeitschrift Capital: ”Wer in einer Studentenverbindung ist, hat für die Zukunft ausgesorgt [und] fährt wie von einem Turbo-Lader beschleunigt der Karriere entgegen.“ (Capital 5/1989, S. 287)

Interne Hierarchien schmieden Herrscher und Untertan zugleich

Das Leben in Verbindungen ist auch heute noch durch Hierarchien geprägt. Die jungen Studenten sollen lernen zu gehorchen und zu herrschen. Nicht auf der Gleichberechtigung des Einzelnen beruht dabei das Zusammenleben, sondern auf Disziplin und Anpassung.

Beispielhaft wollen wir im Folgenden die Mechanismen, die ein solch hierarchisches Zusammenleben formen an den Burschenschaften aufzeigen. Auch wenn die meisten Studentenverbindungen viele dieser Elemente teilen, finden sich nur bei den Burschenschaften alle genannten Elemente wieder:

Das umfassende Regelwerk („Comment“ & „Paukcomment“) der Burschenschaft soll die Formung jedes einzelnen Burschenschafters durch Unterwerfung sicherstellen.

Dies geschieht vor allem durch drei Erziehungs- und Formungsmittel:

Der „Convent“ ist die Versammlung der Burschenschaft. In ihr wird die formale Hierarchie zelebriert (nicht jeder hat das gleiche Stimmrecht). Es geht auch nicht darum, zu erlernen auf einer demokratischen Versammlung als gleichberechtigtes Mitglied für die eigene Sache einzustehen und dadurch Beschlüsse zu finden, die dem Gruppenkonsens entsprechen. Laut eigener Aussage ist das junge Mitglied dazu angehalten “jene Meinung zu erforschen, welche den geringsten Widerstand findet.” (CV-Handbuch, 1990, S. 218).

Die „Mensur“ (das Fechten mit scharfen Waffen) ist das zweite Formungsinstrument. Die Mensur kann als Disziplinierungsmaßnahme angeordnet werden. Dann muss sich der Korporierte dem gefährlichen und verletzungsintensiven Duell unterziehen. Gleichzeitig ist es oft auch ein Unterwerfungsritual, mit dem das Mitglied seine Opferbereitschaft und Ergebenheit sowohl gegenüber den älteren Mitgliedern als auch der Organisation an sich demonstriert. (eine Mensur ist bei vielen Studentenverbindungen Pflicht! Dabei variiert die Anzahl der Pflichtmensuren beispielsweise in Tübingen zwischen 1x (Burschenschaft Germania) und 5x (Corps Franconia), bevor man vom „Fux“ zum „Burschen“ aufsteigt)

Das letzte disziplinarische Mittel ist die „Kneipe“ – das ritualisierte Besäufnis. Selbst bei dieser Gelegenheit, die für andere Menschen eher der Entspannung oder der Ekstase dient, wird die interne Gruppenhierarchie zelebriert und gefestigt. Jedem neuen Mitglied kann im Rahmen eines feststehenden Regelwerks vom Leiter der Versammlung das „Spinnen“ (Straftrinken) bis zum Erbrechen auferlegt werden. Oder ein Burschenanwärter (Fuchs) muss an Stelle seines Vorgesetzten (Fuchsmajor) an Trinkwettbewerben teilnehmen.

Alle drei Rituale (Convent, Mensur, Kneipe) dienen dem Zusammenschweißen und der Abgrenzung nach Außen. Der Gehorsam wird belohnt, obrigkeitsstaatliches Denken, Hierarchie, Befehl und Gehorsam, Unterordnung und Pflichterfüllung geformt. Damit wird “die Intensität der sozialen Kontrolle in schlagenden Verbindungen (…) vergleichbar der in asketischen Sekten.” (Paschke, 1999, S. 179)

Gleiches gilt für den hierarchischen Werdegang innerhalb eines Burschenlebens: Ganz unten steht der Neue, der Spefuchs, dann kommt der Fuchs, dieser steht unter dem aktiven Burschen („Aktivitas“), dem wiederum die ehemaligen Studenten, die Alten Herren vorstehen. Alles nach dem Motto: “Freiheit heißt nicht, tun und lassen können, was man will, sondern was man soll.” (CVHandbuch, 1990, S. 360)

Selbstbild als Elite

Dieses innere Gehorsamsdenken wird ausgeglichen durch ein Elitendenken nach Außen. Das Farbentragen ist nur ein Element der Abgrenzung zu anderen und des Hervorhebens des eigenen Elitestatus.

Korporationen wie die Deutsche Burschenschaft propagierten dementsprechend in den 90er Jahren auf ihren Plakaten offen „Die Masse links liegen lassen“.

„Die Masse ist nicht besonders klug. Die Masse ist noch weniger fleißig, und am allerwenigsten ist sie ausdauernd. Die Schwachen suchen das Kollektiv, um in der Addition der Masse sich stark zu fühlen […] Dieser Masse gegenüber steht jene ‚Elite‘, die – ich wiederhole es – in jeder Gesellschaft vorhanden sein muß, um eine Ordnung in Freiheit und Recht zu gewährleisten […] Es gibt eine nobilitas naturalis, eine natürliche Nobelheit, eine natürliche Berufung und Eignung zur Führung.“, schrieb 1966 in der Academia der CVer Prof. Hettlage, damals Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. (zit. n. Linke Liste Aachen (Hg.), Die Elite der Nation bekennt Farbe, Aachen 1986.)

Die Verbindung dient dazu die eigenen Mitglieder zu späteren Eliten heranzu(er)ziehen:

„wir […] sehen es als selbstverständlich an, daß Corpsstudenten im Leben hervorragende Stellungen einnehmen.“ (Michael Schur, Tagungsbericht: Junge Führungskräfte für die Marktwirtschaft, Der Corpsstudent 4/94, S. 216ff.)

Das Lebensbundprinzip als institutionalisierte „Vetterleswirtschaft“

„Schon vor mehr als 100 Jahren, also lange bevor an Business-Schulen überhaupt zu denken war, gab es in Deutschland hervorragend funktionierende Alumni-Netzwerke: die so genannten „alten Herren“ der Studentenverbindungen. Sie unterstützten mit großzügigen Spenden den Lebensunterhalt der zu ihrer Vereinigung gehörenden Eleven, erleichterten den Absolventen den Berufseinstieg und schanzten sich später gegenseitig Posten und Aufträge zu. Daran hat sich nichts geändert. Die Netzwerke der ehemaligen Corpsstudenten funktionieren heute so gut wie damals.“
(Financial Times Deutschland 3.6.2005)

In einer Korporation ist man in der Regel sein Leben lang Mitglied und dadurch ihr und ihren Mitgliedern verpflichtet. Ziel ist dabei explizit ein Nepotismus (= Vetternwirtschaft).

Zum Beispiel werden eigene Verbindungsmitglieder in Vorstellungsgesprächen bewusst bevorzugt und Stellen in Führungspositionen an die eigenen Verbandsbrüder herangetragen. Zusätzlich finden verbindungsinterne Tagungen statt, die diese Seilschaften noch fördern sollen, wie beispielsweise der Hamburger „Interkorporations- Workshop für Führungskräfte und Führungsnachwuchskräfte“.

Bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses werben Studentenverbindungen auch mit diesen beruflichen Vorteilen. Häufig werden neben der Vergabe von Stipendien berufliche Einstiegsmöglichkeiten geboten. Förderer und Finanziers des Nachwuchses sind ehemalige Aktive zu denen wie dargestellt zahlreiche Politiker und führende Wirtschaftsgrößen zählen.

In dem korporationsstudentischen System geht es um die Konstruktion einer „guten Gesellschaft“, um das Herstellen einer Gruppe von „Gleichen unter Gleichen“, die sich – ausgestattet mit dem für sie allzeit erkennbaren besonderen korporierten Habitus – gegenseitig helfen und protegieren, wobei sie von dem korporierten Gegenüber nicht einmal unbedingt wissen müssen, dass derjenige Korporierter ist. Man spricht die gleiche Sprache und vertraut sich untereinander aufgrund des gleichen Habitus. Michael Hartmann beschreibt das für den Habitus des gehobenen Bürgertums so:

„Das Gefühl, auf einer „gemeinsamen Wellenlänge“ zu kommunizieren, ist (…) außerordentlich wichtig. Es schafft die Basis für das gegenseitige Vertrauen auch in geschäftlichen Dingen.“

Somit wird auch deutlich, warum es bei der Besetzung höherer und höchster Positionen nicht nur um das Einstellungskriterium der „Leistung“, der beruflichen Qualifikation der Kandidaten geht, sondern um das habituelle „Plus“, das einschließt, ob der Kandidat ein unter Männern „gegebenes Wort“ auch unter allen Umständen zu halten in der Lage ist (wie man es mittels der „Ehre“ in der Korporation einpaukt).

Verbindungsmitglieder haben dadurch einen leichteren Aufstieg in Führungspositionen. Durch diesen entsteht seit Jahrzehnten eine Verbindung zwischen Wirtschaft und Politik, die den Einfluss der Verbindungen sicherstellen:

1981 waren 21,5% von 1744 befragten akademischen Führungskräften korporiert (Ursula Hoffmann-Lange: Eliten, Macht und Konflikt in der Bundesrepublik, Opladen 1992.)
1988 war jeder vierte Korporierte in einer Führungsposition (Dr. Baulder (Germaniae Hohenheim)/H. Stöckl (Bavariae München)/G. Junkers (Frankoniae Darmstadt), Interkorporations- Workshop von Waffenstudenten aus der Industrie in Frankfurt, BBl. 2/1989, S. 17 S. 216ff.)
1987-1991 stellte der CV (Der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen) mit über 30 Abgeordneten die zahlenmäßig größte Abgeordnetengruppe.

Studentenverbindungen aller Art dienen also dazu, als Kollektiv im kapitalistischen Konkurrenzprinzip bestmöglich zu bestehen. Der undemokratische Elitenbegriff ist dabei stets gepaart mit einem antiemanzipatorischen Politikverständnis und rechten bis extrem rechten Einstellungen. Die Verbindungen von Politik und Wirtschaft in den Seilschaften der Alten Herren schafft so eine Machtelite, die es zu bekämpfen gilt.

Für die Auflösung aller Studentenverbindungen.

Kommt alle zum Protest gegen den Burschentag in Untertürkheim (Stuttgart)
Samstag 24.12.2012 – 12 Uhr – Carl-Benz-Platz – Untertürkheim
(Anfahrt mit S-Bahn über die Haltestelle Untertürkheim, ABER VORSICHT: massive Kamera-Überwachung des S-Bahnhofs!)

Tübinger Bündnis gegen den Burschentag in Stuttgart

keineburschentage.tk

Aufruf zur There is no alternative- Demo am 22.12.12 in Mannheim

Die Genoss*innen vom Anarchistischen Netzwerk Südwest* rufen zur Demo. Das ANT empfielt: Alle hin und vor dem Jahreswechsel noch mal richtig laut werden! Weiteres gibt es in Kürze auf dem Demo-Blog

There is no alternative – Kapitalismus überwinden!

Seit über 4 Jahren befindet sich die Weltwirtschaft in der schwersten Krise seit langem. Einhergehend mit einer massenhaften Verelendung, Arbeitslosigkeit und allgemeinen Verschärfung der Lebensbedingungen, spitzt sich diese auch in Europa – vor allem in Griechenland, Spanien und Portugal – immer weiter zu. Immer neue, schärfere und größere Sparprogramme und Rettungspakete sollen den Kapitalismus vor dem Zusammenbruch bewahren.

Das Drohszenario der Kredit- und Schuldenkrise dient der aus Europäischer Kommission, IWF und EZB bestehenden Troika zur Legitimation eines angeblich alternativlosen Spardiktats. Diese verordnete Sparsamkeit führt dazu, dass die „Sparsünder“ geradezu kaputtgespart werden. Die Folge sind massivste Einschnitte in Gesundheits- und Sozialsysteme, die die Menschen in Ländern wie Portugal, Italien, Griechenland und Spanien oftmals an den Rand ihrer Existenz drängen. Während in diesen Ländern immer wieder Widerstand in Form von Streiks und Massenprotesten gegen das EU-Krisenregime aufkommt, sieht die derzeitige Lage im „Exportweltmeisterland“ Deutschland, das bisher als Gewinner aus der Krise hervorgeht, ganz anders aus:

Die gegenüber anderen EU-Ländern aggressive Krisenpolitik der Bundesregierung ruht auf einer soliden Basis aus Gewerkschaften, die dem Standort Deutschland sozialpartnerschaftlich verbunden bleiben, einer Opposition, die sich herzergreifend um den „deutschen Steuerzahler“ sorgt, sowie nationalistischen Ressentiments in weiten Kreisen der Bevölkerung. Chauvinistische Parolen und Pauschalisierungen, wie bspw. die “griechische Regierung müsste endlich mal ‘ihre Hausaufgaben machen’” (Westerwelle) oder das Bild des „faulen Griechen“ (Bild-Zeitung), stoßen in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit auf Zustimmung.

Zwar beteiligten sich hierzulande im vergangenen Jahr mehrere Tausend Menschen an antikapitalistischen Protesten wie dem europaweiten M31-Aktionstag oder auch Blockupy, doch von einem breiten Widerstand gegen das EU-Krisenregime in Deutschland kann bisher keine Rede sein. Während von der einen Seite nationalistische Stammtischparolen zu hören sind, beklagt man sich in linksliberalen Kreisen über die entfesselten Märkte und sehnt sich nach einem „gezähmten“ Kapitalismus. Mit Tobin-Steuer, Bankenverstaatlichung und einem soliden Sozialstaat soll der scheinbar vom rechten Wege abgekommene „Finanzmarktkapitalismus“ wieder in eine „produktive“, „schaffende“ soziale Marktwirtschaft überführt werden, von der angeblich alle profitieren würden.

Eine solche Kritik läuft Gefahr, letztlich mit moralischen Schuldzuweisungen Ressentiments zu bedienen. Verursacht wurde die aktuelle Krise jedoch nicht von spekulierenden Banken, Manager*innen oder den „Sozialschmarotzern“. Sie ist vielmehr ein immer wieder – mal mehr, mal weniger regelmäßig – auftretender fester Bestandteil des Kapitalismus.

Der Kapitalismus ist die einzige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der der Überfluss an Gütern ein Problem darstellt. Unverkäufliche Güter können zum Ruin ihrer Besitzer*innen führen und schlussendlich zu einer Überproduktionskrise. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, denen es am Nötigsten fehlt und die nicht in der Lage sind, das einzige worüber sie verfügen – ihre Arbeitskraft – zu verkaufen.

Dies führt zu der absurden Situation, dass Lebensmittel, welche nicht verkauft werden können, auf der Müllhalde landen, während andernorts Menschen Hunger leiden. Oder dass zum Beispiel in Spanien neue Häuser gebaut wurden, die nun leer stehen, da sie sich niemand leisten kann; gleichzeitig steigt die Zahl obdachloser Menschen an.

Die Produktivkräfte (sprich, die Maschinen zur Produktion von Gütern) waren in der Menschheitsgeschichte noch nie so weit entwickelt wie heute. Es wäre durchaus möglich, in einer Welt, die weder Hunger und Krieg noch Leid oder andere existentielle Ängste kennt, zu leben. Dazu wäre es nur notwendig, die Produktion der Güter bedürfnisorientiert und vernünftig in die eigenen Hände zu nehmen. Der Kapitalismus ist aber weder das Eine noch das Andere, sondern Willkürherrschaft der Warenproduktion. Im Kapitalismus zählt nur die Verwertung des Wertes, sprich das Erwirtschaften von Profit, um diesen sogleich wieder zu reinvestieren, aber nie die Bedürfnisse aller Menschen.

Anstelle dieses kapitalistischen Überlebenskampfes und dem aus ihm erwachsenen Krisennationalismus setzen wir uns für eine antinationale Solidarität zwischen allen Menschen ein, die unter den Lasten des kapitalistischen Alltagswahnsinns leiden. Alternativlos für ein Ende des alltäglichen Elends sind für uns nicht Spardiktate oder Haushaltskonsolidierungen sondern einzig „Die Überwindung aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx).

Wir setzen uns ein für eine Welt, in der die Menschen ihr Zusammenleben nicht mehr nach den Zwecken von Konkurrenz und Verwertung in nationalstaatlichen Grenzen ausrichten, sondern selbstbestimmt und solidarisch in freier Vereinbarung zusammenleben. Wir wollen darum keinen „besseren“, vermeintlich „sozialeren“ Kapitalismus, sondern gar keinen!

Wir sind uns bewusst, dass ein Umsturz der Verhältnisse in Europa und erst recht in Deutschland derzeit alles andere als greifbar scheint. Trotzdem, und gerade deswegen, wollen wir unsere Kritik am Bestehenden am 22. Dezember 2012 in Mannheim auf die Straße tragen und das EU-Krisenregime sowie den kapitalistischen Alltag zumindest punktuell delegitimieren.

Denn es gibt keine Alternative: Kapitalismus überwinden!
Für eine solidarische, herrschaftsfreie Gesellschaft!

Antikapitalistische Demo | 22. Dezember 2012 | 15 Uhr | Mannheim HBF

Wenn ihr den Aufruf unterstützen wollt, schreibt einfach eine e-Mail an: demo(ät)a-netz.org

Wie den RFID-Chip in Pass&Perso nicht zerstören!

RFID-Chips sind seit dem 1. November 2005 in allen ausgestellten deutschen Reisepässen sowie ab dem 1. November 2010 in allen Personalausweisen enthalten. Auf diesen Chips sind alle Passdaten, inklusive personenbezogene- sowie biometrische Daten des*r Inhabers*in, in digitaler Form gespeichert. Seit dem 1. November 2007 werden in den Chips zusätzlich die Fingerabdruckbilder von zwei Fingern gespeichert. Die Chips können aus 10 Meter Entfernung gelesen werden.

Wer kein‘ Bock hat, seine persönlichen Informationen preis zu geben, versucht natürlich diesen Chip zu zerstören (was allerdings Grenzkontrollen erschweren, die in die USA möglicherweise verunmöglichen könnte).

Zwei Methoden sind dazu vor allem bekannt: Mikrowelle und Hammer.

Aber Achtung vor der Mikrowelle: Der Chip wird zwar zerstört, aber nach nur 3-4 Sekunden auf der höchsten Stufe brennt der Chip ein Loch in den Pass. Das kann so weit gehen, dass wie oben sichtbar der Chip auch den Plastik-Part anschmort.

Immerhin wird auch gut sichtbar wo sich der Chip im roten Deckblatt versteckt ist (siehe Unten). Dort könnten ein paar gezielte Hammerschläge dem Chip den garaus machen.